10. Dezember 2025 von Markus Zürcher
Der Albtraum hat kein Ende
Das Telefon klingelt. Am anderen Ende sagt ein Mann, die sechs Flaschen Bordeaux, die ich bei ihm bestellt habe und die er geschickt habe, seien noch nicht bezahlt. Er habe mir eine Mahnung geschickt …
«Moment mal, ich glaube Sie irren sich, ich habe nie Wein bestellt». Der Mann am anderen Ende aber beharrt darauf, er werde mir eine letzte Mahnung senden, aber wenn ich dann nicht bezahle, würde er mich betreiben.
Ich hänge auf. Zugegeben, ich trinke ab und zu ein Glas Wein, aber dass ich die Flaschen, die ich kürzlich ganz günstig im Internet bestellt habe, nicht bezahlt habe, ist einfach nicht wahr.
Irgendwie beschleicht mich aber doch eine ganz kleine Unsicherheit. Oder sagen wir es so, ich suche die Bestätigung meiner Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit und suche im E-Banking den Beweis meiner Zahlung.
Kaum habe ich mich eingeloggt, klingelt schon wieder das Telefon. Ich bin auf alles gefasst und diesmal auch besser gerüstet. Hier ist nämlich der Beleg meiner Zahlung. «Ich habe bezahlt!» schreie ich ins Telefon.
Eine freundliche Stimme begrüsst mich und ist etwas verwirrt. Sie hätten mir eine Rechtsschutzversicherung. Es sei manchmal so, dass man wegen einer Lappalie in einen Rechtsstreit gerate und die Gerichtskosten seien oft höher als das, worum es gehe. Und er erzählt mir von einer Person, die wegen bloss sechs Flaschen Wein tausende Franken Gerichtskosten hätte bezahlen müssen. Ich lasse mir nichts anmerken und denke für mich: Das muss ein Zufall sein. Aber da es mein Gesprächspartner ehrlich meint, gehe ich auf sein Angebot ein. Ehrliche Leute bauchen zwar keine Rechtsschutzversicherung, aber man kann ja nie wissen, in was man noch hereingezogen wird. Die Versicherung kostet zwar einiges mehr als sechs Flaschen Wein, aber das ist mir jetzt egal. Immerhin ist es günstiger als einen Rechtsstreit selber bezahlen zu müssen.
Wenig später ruft mich ein technischer Mitarbeiter meiner Bank an. Ob ich kürzlich E-Banking gemacht hätte? Ich sage, ich hätte keine Zahlung gemacht, ich hätte nur etwas nachschauen müssen, da ich den Verdacht gehabt habe, jemand wolle mich betrügen und zur Zahlung von sechs Flaschen Wein nötigen.
«Oh, wie gut, dass Sie keine Zahlung vorgenommen haben», sagt die freundliche Stimme, denn es seinen so viele Betrüger am Werk, welche versuchen würden die Kundendaten zu hacken. Ob mir denn nichts aufgefallen sei. Mir ist ehrlich gesagt nichts Verdächtiges aufgefallen.
Doch, doch, die Betrüger seien sehr dreist, ich sei auf einer Webseite gelandet, welche genau gleich aussehe, wie die Webseite der Bank, es sei daher nötig, dass ich ihnen die Zugangsdaten übermittle, damit sie mir einen neuen, sicheren Zugang erstellen könnten.
Es ist nicht mein Bankberater, den ich da am Telefon habe, es ist ein technischer Mitarbeiter der Bank. Vielleicht weiss mein Bankberater gar nicht, dass mein Konto gehackt wurde. Offenbar war ich unvorsichtig. Meine Software ist wirklich nicht immer up to date. Das hätte ich wohl tun sollen. Ich schäme mich etwas. Zum Glück ist ja noch nichts passiert, also gebe ich dem freundlichen Mann vom technischen Dienst die Zugangsdaten zu meinem Bankkonto. Ich bedanke mich für seine Hilfe.
Kaum habe ich das Telefongespräch beendet, klingelt das Telefon schon wieder. Die Polizei ist am Apparat. Ehrliche Bürger müssen zwar nichts befürchten, dennoch kriege ich jetzt einen Schweissausbruch. Zum Glück habe ich eine Rechtsschutzversicherung!
«Ihr Bankkonto ist gehackt worden.» sagt der Polizist.
«Ja, das weiss ich», sage ich, «aber zum Glück ist nichts geschehen!»
Am anderen Ende bleibt es eine Weile still. «Ja, da täuschen Sie sich leider», sagt die Polizeistimme. Es gäbe Betrüger, welche sich als Mitarbeiter der Bank ausgäben und von den Kunden die Herausgabe der Zugangsdaten zum E-Banking verlangen würden.
Oh nein! – war ich blöd! Ich könnte mich ohrfeigen. Ich ahne, dass mein Konto wohl ganz leer ist. Mein ganzes Erspartes ist wohl weg.
Den letzten Satz habe ich vermutlich halblaut gesagt. Auf jeden Fall antwortet mir der Polizist, mein Konto sei nicht ganz leer, es sei wohl missbraucht worden, um schmutziges Geld zu waschen. Es müsse jetzt geklärt werden, wem das Geld gehöre. Vorerst käme ich in Untersuchungshaft, denn sie wüssten leider nicht, ob ich unschuldig oder gar ein Teil der Mafia sei.
«Sie haben nun eine Viertelstunde Zeit, Ihre wichtigsten Sachen zu packen. Tun Sie das ganz unauffällig ohne dass ihre Nachbarn etwas davon merken und kommen Sie dann vors Haus – und versuchen Sie nicht zu fliehen, denn das Haus ist umstellt von Polizisten in Zivil.»
Tatsächlich, vor meinem Haus ist ein Auto, das ich nicht kenne. Zwei Männer stehen beisammen und reden und andere tun so, als seien es Passanten. Unglaublich, die Polizisten haben sich alle äusserst perfekt als Zivilisten getarnt. Nur an ihrem Gang und ihrer Haltung erkenne ich, dass es wahre Polizisten sind.
Aber was mache ich jetzt? Ich rufe meine Rechtsschutzversicherung an. Bitte retten sie mich aus dieser Situation, will ich sagen, doch eine Stimme sagt:
«Diese Rufnummer ist ungültig. Bitte überprüfen Sie die Nummer und wählen Sie noch mal»
Habe ich mich verwählt? Nein, es ist die Nummer der Versicherung. Diese Betrüger haben sich als Rechtsschutzversicherung ausgegeben und ich habe sofort bezahlt.
Nun klingelt und klopft es an der Türe. «Bitte öffnen Sie, die Polizei ist da!»
Berndeutsch weiterfahren: Auf dem Tisch liegt ein Kissen. Nun so tun, als hätte ich geschalfen und erwache nun.
Oh nei, han ig jitz schlächt gschlafe. Was han ig o nume tröimt.
Jitz bruuchen ig aber e starche Kaffee.
Kaum ist der Kaffee gemacht, klingelt das Telefon.
Ich nehme ab: Was!? Sächs Fläsche Bordeau heig i nid zahlt! Dä Albtroum hört ja nümmeh uf! Dihr chöit mir mal!
Ans Publikum: I hoffe, dihr siget erwachet u gheiet nie uf settegi Begtrüegereie yne.